Month: January 2022
Schleimiger Tag
postkartenmotive, TEXT7:50, die Sonne steht schon hoch am unerwartet blauen Himmel. Die Vögel zwitschern, Insekten zirpsen, das Meer rauscht, der Kühlschrank surrt. Auf dem Gasherd kühlt die Hühnersuppe ab, die ich mir vor einer Stunde mit zwei Eiern und Suppennudeln gekocht habe, damit es mir hoffentlich heute besser geht. Es half. Heute wird ein schleimiger Tag. Der Blister der schleimlösenden Kapseln aus Deutschland, Gelomyrtol, ist fast aufgebraucht, der schleimlösende Saft, den mir Lola gestern ungefragt aus der Apotheke mitgebracht hat scheint auch zu wirken.
Am fünften Tag seit die Symptome dessen ausgebrochen sind, was hier in den letzten drei Wochen wohl jeder hatte und als eine Grippe bezeichnet wird, löst sich etwas. In zwei Tagen geht mein Flieger zurück. Brasilien ist bis heute auf der RKI Webseite (Stand 7.1.2022) nicht als Hochrisikogebiet ausgezeichnet, was mir sonst zur Rückreise nach meinem Verständnis die doppelte COVID-Impfung UND einen Negativtest als Nachweis zum Antritt der Reise bescheren würde, wobei meine Hoffnung von Tag zu Tag schwindete, dass ich diesen am Samstag vorlegen könnte. Die Brasilianer fanden das alle ganz normal, Erkältung im Hochsommer. Sind ja alle geimpft. Wenn man der Statistik glauben kann sogar mehr als in Deutschland. Aber was hilft das bei Omicron? Meine nächsten Kontakte hier sind mittlerweile nach Argentinien gereist, mit einem Negativtest, aber jetzt alle in COVID-Quarantäne. Positiv. Mit Symptomen, die sie schon hier hatten bei Abreise.








Silvesterknaller
media, postkartenmotive, reisen, TEXTDreimal PENG! hat es gemacht. Und die Leute tanzen weiter. Zu der Livemusik aus den Bars an der Strandpromenade Avenida Leovigildo Dias Vieira, den wummernden Bässen aus vorbeifahrenden Autos, den krächzenden Tönen aus den tragbaren Bluetooth Lautsprechern jugendlicher Passanten. Nicht selten hört man hier auch Knallen aus einem undichten Motorradauspuff. Silvesterböller sind in Brasilien offiziell verboten.
Als ob keiner den leblosen Körper bemerkt hat, dieser Frau, die auf der Straße liegt. Vor dem McDonalds, sagte man mir. Oder doch?
Jemand zeigt mir am nächsten Tag eine Aufnahme von einem Handy. Hochkant. Wie man heutzutage eben seriöse Videoberichterstattung macht. Die Polizei wird schon ein anderer gerufen haben.
Man hat zuhause Flatscreens, die eine ganze Wand einnehmen und betrachtet darauf dann wackelige Amateuraufnahmen, die ein Achtel der Bildschirmgröße in der Horizontalen einnehmen, weil uns Instagram das vertikale 9:16 Format gelehrt hat.
Ich schaue weg. Don’t show me something like that! Ich glaube es auch ohne Beweisfilm, was in dieser Kleinstadt Ubatuba am Neujahrstag die soziale Medienrunde machte. Vermutlich gibt es mehrere solcher Filmchen, die aufgenommen wurden, weiter tanzend in dieser einen Nacht, die für Brasilianer sowas wie Karneval an einem Tag bedeuten muss. Man kleidet sich weiß, um Reinheit und Frieden symbolisierend ins neue Jahr zu tanzen – eine afrobrasilianische Tradition. Und trinkt noch mehr als sonst.
Aber drei Schüsse in den Kopf der Ex-Freundin? Zur Sicherheit? Weil man mit der kürzlichen Trennung nicht einverstanden war….
Old-School
media, photography, postkartenmotive, reisen, TEXTdu schreibst zum Neujahr eine längere E-Mail an Freunde und erhälst unerwartet dankbare Rückmeldung und dass das so old-school ist.
Dabei hätte ich lieber mehrere Postkarten geschrieben, da hätte ich mich allerdings kürzer fassen müssen, so wie z.B.
Liebe Freunde, der Klimawandel ist hier angekommen, es ist Sommer am Wendekreis des Steinbocks und regnet bei 21°C in Strömen. Im Norden des Landes das Ahrweiler auf brasilianisch. Unsere Unterkunft steht noch, mein Reisepass schimmelt. An sonnigen Tagen wälzen sich an den Stränden besoffene Ganzkörpertätowierte wie Ölsardinen, aus Autos und mobilen Bluetoothlautsprechern dröhnt bereits morgens um 6:30 schreckliche Musik. Es riecht nicht nur nach Müll, sondern nach einer Mischung aus Fritiertem und dem was nach Verzehr wieder unten rauskommt. Die Lieferung von Heineken, die hier alle kleineren Bierbrauereien übernommen haben, läuft. Seid gegrüßt aus der Wärme Ubatubas!


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